Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug. (K)ein Selbsthilfebuch

Fatal an vielen Selbsthilfebüchern sind ihre schlichten Verallgemeinerungen. Die Botschaft an die Leser lautet: Halte dich an meine Lösungsmuster und du wirst deine Probleme überwinden und glücklich werden! Leider geht diese simple Formel in den seltensten Fällen auf. Menschen und ihre individuellen Lebenszusammenhänge sind zu komplex für Verallgemeinerungen.

Verspricht der Bestsellerratgeber dem hilfesuchenden Leser einfache Lösungen, kann sich die gute Absicht schnell ins Gegenteil verkehren: Ein verzweifelter Leser, der nicht in der Lage ist, nach den scheinbar so einfach zu praktizierenden Tipps und Ratschläge zu leben, fühlt sich anschließend noch schlechter! Noch nicht einmal die Umsetzung augenscheinlich einfacher Lebensweisheiten gelingt ihm! Dabei stand doch auf dem Buchdeckel ausdrücklich, dieses Buch habe schon x-tausend Ratsuchenden geholfen …

 

Der Autor Jürgen Hargens bietet statt simpler Verallgemeinerungen und plakativer Heilsversprechen in angenehm leisen Tönen einen Perspektivwechsel an. Dabei geht er behutsam vor und streut und ab und zu feine Selbstironie in den Text. Der Leser wird eingeladen, seine Probleme aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und zu erkennen: Ein absolutes, permanentes Glück gibt es nicht. Das Leben hat viele Nuancen. Dazu gehören auch immer wieder schwere und dunkle Phasen, die wir nicht so gut aushalten können oder die wir vermeiden wollen. Statt zu hoher Anspruchshaltung auf ein dauerhaftes Glücklichsein in allen Lebensbereichen täte uns etwas mehr Bescheidenheit gut.

 

Hargens lässt seine Leser teilhaben an seinem persönlichen Umgang mit krisenhaften Zeiten. Er sucht nach einer Erklärung für seine Tiefs. In dieser Auseinandersetzung wächst die Zuversicht, dass es auch besser werden kann. Lösungsansätze können gesehen werden. So ist es möglich, selbst eine Krise wertzuschätzen. Sie kann uns zeigen, was uns fehlt, was wir loslassen müssen, wo wir etwas ändern sollten. Sie kann uns auch eine Chance auf Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentwicklung bieten. Wir können Gelassenheit lernen im Umgang mit unseren schlechten Phasen, denn sie bleiben schließlich nicht für immer.

 

Dieses Buch, das (k)ein Selbsthilfebuch sein möchte, ist inspirierend und ermutigend.

 

„Es geht Ihnen schlecht, und Sie haben dieses Buch zur Hand genommen. Das heißt dann doch, irgendwo sitzt in Fünkchen Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte. Und irgendwo, da bin ich sicher, haben Sie eine Vorstellung, wie es sein müsste, sollte … wie es wäre, wenn es Ihnen besser ginge.“

 

Jürgen Hargens: „Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug. (K)ein Selbsthilfebuch“, Verlag Carl Auer, ISBN: 978-3-89670-877-9