Der Hund hatte ein Problem mit mir: Ich lief nicht mehr richtig an der Leine.

 

Liebeserklärung an den Hovi, warum immer wieder Trainings nötig sind und der passende Buchtipp: „Angeleint!“ von Katharina von der Leyen

 

Der Hund hatte ein Problem mit mir: Ich lief nicht mehr richtig an der Leine. Es gab immer wieder ein Hin- und Her-Gezerre zwischen uns beiden. Wenn ich nicht schnell genug folgte, riss mich der 40-Kilo-Kerl auch schon mal kurz mit sich. Hatte ich den Überraschungsmoment überstanden und wieder Macht über die Leine erlangt, gab es böse Worte und traurige Blicke.
Zuletzt verfielen wir gleich nach dem Beginn unserer Spaziergänge in eine üble und angespannte Stimmung. Unsere Hunderunden machten immer weniger Spaß. Es wurde Zeit, die schlechten Gewohnheiten wieder abzulegen.

Ja, war der Hund denn nicht in der Hundeschule?!

 

Doch. Trainings gibt es viele und das ein oder andere hatten wir schon durch. Ich bin kein Fan der Unterordnungskurse, die in vielen Hovawart-Kreisen obligatorisch sind. Mein Mann und ich wollten einen freundlichen und gutmütigen Hund, der uns begleitet und ein wachsames Auge auf Haus und Grundstück hat. Absoluter Gehorsam entspricht uns nicht und einen gewissen Eigensinn sollte sich auch unser Hovi Duke bewahren. Wir buchten Erziehungskurse in der Hundeschule.

Die Kurse durchliefen der Hovi und ich mit mäßigem Erfolg. Wir erinnern uns an die Welpenschule, in der Duke mit Schwung in einen Kriechtunnel geschubst wurde. Selbst Anfänger wissen, dass der Welpe hier besser freiwillig und freudig durchmarschieren sollte. Die Trainerin, die den verdatterten Welpen auf ein Rüttelbrett setzte und dann energisch auf- und absprang, wollte ihn wohl mit beweglichen Untergründen vertraut machen. Der erschrockene Welpe versteckte sich nach diesen Trainingsmodulen unter einem LKW auf dem Gelände und war nur mit viel Geduld wieder hervorzuholen.

 

Bei einem anderen Training durfte nur Fleischwurst als Belohnungsleckerli eingesetzt werden. „Mein Hund bekommt von Fleischwurst Durchfall…“, wandte eine Hundehalterin leise ein. Egal. Die Trainerin rief in die Runde: „Fleischwurst, wer hat noch Fleischwurst dabei?!“
 
Wir denken noch manchmal an eine weitere Trainerin, die auf individuelle Erziehungsfragen gerne pauschal antwortete: „Wasserspritzpistole! Ins Gesicht!“ Und war es wirklich sinnvoll, mit zehn Junghunden eine auf dem Boden liegende Decke voller getrockneter Schweineohren zu umkreisen? Es ging bei dieser Übung wohl um Selbstdisziplin. Die Hunde sollten der Verlockung widerstehen.

 

Ich blieb eine Zweiflerin. Mein Hund folglich auch. Wir haben einige Trainings mitgemacht und der Sinn erschloss sich mir nicht immer. Dem Hund auch nicht. Also trainierten wir ohne Anleitung.

 

Die größten Hindernisse beim freien Training in der freien Wildbahn waren nicht immer der eigene Hund und die eigene Trainingsfähigkeit. Es waren oft die anderen Hundehalter mit ihren Hunden: Frei laufende Hunde, die ihren Haltern nicht gehorchen. Die einen Junghund mit Krawall angreifen und sofort auf den Rücken werfen. Angeleinte Hunde, die ihren Haltern nicht gehorchen und – sobald sie nah genug rankommen - dem Junghund einfach so sehr in die Schnauze beißen, dass dieser blutend und verdattert im Feld hockt. Ein Hundehalter, dessen Hund noch nie Kontakt zu unserem Hund hatte: „Unser Hund kann euren Hund nicht leiden. Der konnte den Hund von eurem Vormieter auch nicht leiden!“ Der soziale Kontakt war also unerwünscht. Und dann der frei laufende Hund, der seinem Halter nicht gehorcht und immer wieder kläffend und pöbelnd an uns vorbeitänzelt.


Gelernt haben wir, dass die Integration Zugezogener in ein mittelrheinisches Dorf selbst im Falle eines noch so niedlichen Welpen scheitern kann. In der Stadt war der Umgang mit unserem jungen Hund jedenfalls freundlicher gewesen. Und in unserer Wahlheimat Nordfriesland sind die Begegnungen mit anderen Hundehaltern und Vierbeinern weitgehend unverkrampft.

 

Es wurde aber dennoch noch etwas aus ihm

 

„Hundetrainer werden es nicht gerne hören. Aber die Impulsivität legt sich mit zunehmender Reife des Hundes bei guter Führung auch ohne ein aufwendiges Trainingsprogramm.“ (Susanne Kerl, „Der Hovawart“, Verlag Müller Rüschlikon, Seite 103). Und genauso ist es gekommen:  Unser Hovawart ist längst erwachsen und für uns immer noch der weltbeste Hund. Viele der dörflichen Hundehalter gehen uns inzwischen aus dem Weg, weil ihnen ein großer schwarzer Hund per se  Angst macht. Er ist tatsächlich ein großer Kerl, der Haus und Grundstück vehement bewacht und jede Bewegung anmeldet. Ganz so, wie es dem Naturell dieser Rasse entspricht. Jeder Besucher aber, den wir hereinbitten, wird mit Begeisterung begrüßt und umgehend als neues Rudelmitglied adoptiert.
 

Außerhalb unseres Grundstücks ist der Hovawart ohnehin jedem Lebewesen gegenüber wohlgesonnen. Noch nie ist er einem Menschen oder einem Tier gegenüber aggressiv gewesen. Ausnahmen: Die Rüden, von denen er als Welpe und Junghund attackiert wurde, verbellt er heute. Sein Charakter ist absolut tadellos. Als Bürohund ist er einfach klasse und während meiner Zeit in der psychosozialen Arbeit zeigte er im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen echte Therapiehundeigenschaften, die bei allen Beteiligten für eine gute Atmosphäre sorgten. Bei aggressiven Besuchern wirkte er deeskalierend allein durch seine Anwesenheit.

 

Nach Feierabend können wir unseren Hovi mit in die Kneipe oder ins Restaurant nehmen. Er sucht sich einen Platz unter dem Tisch und döst dort vor sich hin. Kein Theater, kein Aufstand – noch nicht einmal, wenn am Nebentisch ein anderer Hund rumnölt. Das einzig Nervige in unserer Beziehung ist die Sache mit der Leinenführigkeit.

 

Eine gute Ratgeberin

 

Ich arbeite liebend gerne mit Büchern. Auf der Suche nach neuem Input zum Thema Hundeerziehung stieß ich auf „Angeleint!“ von Katharina von der Leyen. Die Lektüre ist kurzweilig und erhellend. Ich konnte verschüttetes Wissen auffrischen und habe außerdem neues über das Sozialverhalten des Hundes gelernt. Die Autorin erinnert immer wieder daran, beim Training den Humor und die Selbstreflexion nicht zu vergessen. Wie gut oder schlecht es zwischen Mensch und Hund läuft, liegt immer im Verhalten des Menschen begründet. Sie erläutert wichtige Fakten zur gelingenden Interaktion und stellt dazu in Text und Bild ihre Trainingsempfehlungen vor. Sie schreibt unter anderem: „Näher als durch unseren Hund werden wir der Erleuchtung nicht kommen.“ Weise Worte!
 
Die meisten Trainingsvorschläge in diesem Ratgeber sind vor allem für junge Hunde geeignet, die in der Erziehung noch am Anfang stehen. Für Fälle wie unseren Hund, der das Leinenziehen normal findet, gibt es ebenfalls etliche Tipps und Übungen. Sie sind gut verständlich im Text beschrieben und werden auch im Foto gezeigt. Zusatzinformationen über das geeignete Equipment wie unterschiedliche Geschirrarten, ideale Leinenlänge und hundegerechtes Anlegen schaffen perfekte Grundlagen. Wir haben die Trainingsvorschläge für erwachsene Hunde in unsere täglichen Spaziergänge eingebaut und folgen ihnen seit etwa zwei Wochen ganz konsequent. Auf den Hovi macht unser neues Verhalten an der Leine echten Eindruck. Unsere Gassirunden sind bereits entspannter. Wir sind langsamer, ruhiger und insgesamt gelassener geworden. Katharina von der Leyen gibt eine Frist von etwa drei Wochen an, die bei konsequentem Training für einen echten Fortschritt sorgen sollen. Wir wissen, dass drei Wochen nicht genug sind und dass Rückschläge dazu gehören. Aber wir bleiben geduldig dran, weil wir vom positiven Effekt dieser Trainingsmethoden überzeugt sind.

 

 

 

Katharina von der Leyen: „Angeleint!“, Verlag GU, ISBN: 978-3-8338-6645-6

 

 

 

 

Buchcoverfoto mit Genehmigung des Verlags GU